Alltag & Beschwerden

Rückenschmerzen: was Leitlinien empfehlen — und was nicht

Rückenschmerzen sind einer der häufigsten Gründe für eine physiotherapeutische Behandlung. Die Weltgesundheitsorganisation hat 2023 erstmals eine Leitlinie zum chronischen unspezifischen Rückenschmerz veröffentlicht. Was darin empfohlen wird, überrascht viele — vor allem, was nicht empfohlen wird.

7 Min Lesezeit Aktualisiert 2. September 2026 Alltag & Beschwerden 3 Quellen
Kurz zusammengefasst
  • Die WHO-Leitlinie nennt strukturierte Bewegungstherapie, Aufklärung und Beratung sowie multimodale Betreuung als Bestandteile der Versorgung.
  • Bildgebung in den ersten sechs Wochen steht bei unspezifischen Rückenschmerzen auf der Schweizer Top-5-Liste der vermeidbaren Massnahmen — ausser bei Alarmzeichen.
  • Was Sie im Alltag tun, wirkt sich stark auf den Verlauf aus — regelmässige Übungen gehören zur Therapie.

Zuerst: Warnzeichen ernst nehmen

Die allermeisten Rückenschmerzen sind unspezifisch und harmlos, auch wenn sie sehr weh tun. Es gibt aber Zeichen, bei denen eine ärztliche Abklärung nicht warten sollte:

  • Lähmungserscheinungen, Taubheit im Schritt- oder Genitalbereich
  • Störungen beim Wasserlassen oder beim Stuhlgang
  • Fieber zusammen mit Rückenschmerzen
  • Ungewollter Gewichtsverlust
  • Schmerz nach einem Sturz oder Unfall
  • Nächtlicher Ruheschmerz, der sich durch keine Position bessert
Wichtig: Bei diesen Zeichen gehört die Abklärung zur Ärztin oder zum Arzt, nicht in die Physiotherapie.

Was die WHO-Leitlinie empfiehlt

Die Weltgesundheitsorganisation veröffentlichte im Dezember 2023 eine Leitlinie zur nicht-chirurgischen Behandlung von chronischem unspezifischem Rückenschmerz bei Erwachsenen in der Grundversorgung. Sie nennt als Grundsätze eine Versorgung, die ganzheitlich, personenzentriert, gleichwertig zugänglich, nicht stigmatisierend und koordiniert ist.

Als Massnahmen, die Teil der Versorgung sein können, nennt die Leitlinie unter anderem eine strukturierte Bewegungstherapie beziehungsweise ein Bewegungsprogramm, strukturierte Aufklärungs- und Beratungsangebote sowie eine multimodale biopsychosoziale Betreuung durch ein interdisziplinäres Team — ausdrücklich auch für ältere Menschen.

Warum nicht sofort ein Bild gemacht wird

Viele erwarten bei Rückenschmerzen zuerst ein Röntgenbild oder ein MRI. In der Schweiz führt die Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin die «bildgebende Diagnostik in den ersten sechs Wochen bei Patienten mit unspezifischen Lumbalgien» auf ihrer Top-5-Liste der Massnahmen, die im Regelfall vermieden werden sollten.

Die Begründung dort ist knapp: Eine bildgebende Diagnostik bei unspezifischem Schmerz verbessere während der ersten sechs Wochen das Ergebnis nicht, erhöhe aber Strahlenexposition und Kosten. Als Evidenzgrundlage nennt die Fachgesellschaft eine Metaanalyse randomisiert-kontrollierter Studien.

Wichtig ist die Einschränkung: «Unspezifischer Schmerz» schliesst Alarmzeichen ausdrücklich aus — etwa schwere oder zunehmende neurologische Ausfälle oder den Verdacht auf eine bösartige oder infektiöse Erkrankung. Treffen solche Zeichen zu, ist eine Abklärung angezeigt, und zwar rasch.

Wann eine Behandlung bei uns sinnvoll ist

Eine physiotherapeutische Behandlung kommt unter anderem in diesen Situationen in Frage:

  • Rücken- oder Nackenschmerzen ohne Warnzeichen
  • Bandscheibenprobleme
  • Beschwerden nach Operationen
  • Sportverletzungen
  • Schulter- oder Knieprobleme
  • Arthrose oder Bewegungseinschränkungen

Wie der erste Termin abläuft

Der Ersttermin umfasst in der Regel vier Schritte:

  • Anamnese: Beschwerdebild, Vorerkrankungen, Alltagssituation
  • Bewegungs- und Funktionsanalyse
  • Individuelle Therapieplanung
  • Eine konkrete Behandlungseinheit

Was Sie selbst beitragen können

Der grösste Teil der Zeit vergeht zwischen den Terminen. Diese Punkte machen im Alltag den grössten Unterschied:

  • Die empfohlenen Übungen regelmässig durchführen — kurz und häufig schlägt lang und selten
  • In Bewegung bleiben statt vorsorglich zu schonen
  • Bewusste Haltung im Alltag und am Arbeitsplatz, mit regelmässigem Positionswechsel
  • Sportliche Aktivität angepasst fortführen statt ganz einzustellen
  • Bei neuen Beschwerden früh behandeln lassen
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Abklärung, Diagnose oder Behandlung. Bei akuten, starken oder anhaltenden Beschwerden wenden Sie sich bitte an eine Ärztin oder einen Arzt.

Quellen

  1. Leitlinie WHO guideline for non-surgical management of chronic primary low back pain in adults in primary and community care settings Weltgesundheitsorganisation (WHO) · 7. Dezember 2023
  2. Fachverband Top-5-Liste Ambulante Allgemeine Innere Medizin — Punkt 1: bildgebende Diagnostik bei unspezifischen Lumbalgien Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGAIM) · smarter medicine — Choosing Wisely Switzerland · Liste von 2014 · Evidenzlevel gemäss Herausgeber: Metaanalyse randomisiert-kontrollierter Studien
  3. Gesetzestext Verordnung des EDI über Leistungen in der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (KLV), Art. 5 Physiotherapie Eidgenössisches Departement des Innern · SR 832.112.31 · Stand am 1. August 2026

Zuletzt gegen die Quellen abgeglichen am 2. September 2026.

Häufige Fragen
Brauche ich bei Rückenschmerzen ein MRI?
Die Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin führt bildgebende Diagnostik in den ersten sechs Wochen bei unspezifischen Rückenschmerzen auf ihrer Top-5-Liste der Massnahmen, die im Regelfall vermieden werden sollten — sie verbessere das Ergebnis nicht, erhöhe aber Strahlenexposition und Kosten. Bei Alarmzeichen wie neurologischen Ausfällen gilt das ausdrücklich nicht; dann ist eine Abklärung angezeigt.
Soll ich mich bei Rückenschmerzen schonen?
Die WHO-Leitlinie nennt strukturierte Bewegungstherapie als möglichen Bestandteil der Versorgung bei chronischem unspezifischem Rückenschmerz. Wie viel Belastung im Einzelfall sinnvoll ist, wird individuell festgelegt.
Welche Beschwerden werden am häufigsten behandelt?
Häufige Gründe sind Rücken- und Nackenschmerzen, Schulter- und Knieprobleme, Sportverletzungen, Arthrose sowie chronische muskuläre Verspannungen.
Wann muss ich mit Rückenschmerzen zum Arzt?
Bei Lähmungserscheinungen, Taubheit im Schritt- oder Genitalbereich, Störungen beim Wasserlassen oder Stuhlgang, Fieber, ungewolltem Gewichtsverlust, nach einem Unfall oder bei nächtlichem Ruheschmerz.